Erzbischof Gössl zu Missbrauch und Prävention

Bamberg. Erzbischof Herwig Gössl stand dem "Fränkischen Tag" für ein umfassendes Interview zum Thema Missbrauch und Prävention zur Verfügung. Wir veröffentlichen das Gespräch in Auszügen. Der volle Wortlaut ist für Abonnenten auf www.fraenkischertag.de zu finden. In der Print-Ausgabe wurde es am 27. Januar 2025 veröffentlicht.
FT: Wann haben Sie zum ersten Mal vom Missbrauch in der katholischen Kirche erfahren und was war das für ein Gefühl? Was ging Ihnen durch den Kopf?
Erzbischof Gössl: Es ist jetzt 15 Jahre her, dass die ersten Missbrauchsfälle in Deutschland öffentlich bekannt wurden. Die waren gefühlt weit weg. Und ich ging damals davon aus, dass das schreckliche Einzelfälle sind. Es überstieg meine Vorstellungskraft, dass es auch bei uns im Erzbistum Missbrauchsfälle geben könnte. Das hat sich dann geändert, als hier die ersten Vorwürfe bekannt wurden. Jeder einzelne Fall erschüttert mich, und ich denke: Wie ist das möglich, dass ein Priester, der sein Leben der Nachfolge Jesu widmet, sich an Kindern vergeht!
FT: Hat die katholische Kirche, insbesondere die Erzdiözese Bamberg, Ihrer Meinung nach alles in ihrer Macht Stehende getan, um die Missbrauchsfälle aufzuarbeiten? Wenn ja, inwiefern? Wenn nein: Was sollte noch getan werden?
Erzbischof Gössl: Ich denke schon, dass wir heute alles tun, was in unseren Möglichkeiten steht. Wir waren intensiv an der großen bundesweiten MHG-Studie beteiligt, die 2018 vorgestellt wurde. Wir haben einen Betroffenenbeirat und eine Unabhängige Aufarbeitungskommission eingerichtet. Diese Kommission hat vor wenigen Monaten einen Kriminologen von der Uni Greifswald und eine Rechtspsychologin aus Berlin mit einer wissenschaftlichen Studie beauftragt. Diese Studie, die bis 2026 läuft, soll sexuellen Missbrauch von Kindern, Jugendlichen und Schutzbedürftigen durch Kleriker zwischen 1946 und 2022 untersuchen. Einen besonderen Stellenwert hat neben der Auswertung von Akten die Befragung Betroffener. Die Forscher bekommen volle Einsicht in alle Archivdokumente.
Mindestens so wichtig wie die Aufarbeitung ist aber auch die Prävention! Wir haben dafür schon lange eine eigene Fachstelle eingerichtet, die im ganzen Erzbistum umfassende Schulungen des gesamten Personals und auch der ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter organisiert, die mit Schutzbefohlenen zu tun haben. Das sind verpflichtende Schulungen, die auch regelmäßig wiederholt werden müssen. Seit Jahren arbeiten wir im ganzen Bistum an einer „Kultur der Achtsamkeit“, um Missbrauch zu verhindern. Wir wollen sichere Orte schaffen. Es ist im Erzbistum für jede Gemeinde und jede Einrichtung mit Hilfe vieler Haupt- und Ehrenamtlicher ein Schutzkonzept erarbeitet worden. Es macht Mut, dass sich so viele an diesen Maßnahmen beteiligen, und zeigt, dass das Thema allen wichtig ist. Ob damit tatsächlich alles Mögliche getan ist, müssen vermutlich künftige Generationen bewerten.
FT: Zahlreiche Missbrauchsfälle werden mit dem juristischen Argument der Verjährung nicht weiterverfolgt. Die Folge: Weder werden Täter zur Rechenschaft gezogen, noch wird Opfern eine Wiedergutmachung gewährt. Sollte die Kirche aus Respekt gegenüber den Betroffenen nicht allen Fällen auf den Grund gehen – unabhängig von staatsanwaltlichen Ermittlungsverfahren?
Erzbischof Gössl: Man muss hier klar unterscheiden zwischen dem staatlichen Recht und der kirchlichen Aufarbeitung. Die Kirche macht genau das, was Sie fordern: Über den Rahmen des staatlichen Rechts hinaus werden Fälle aufgearbeitet und Anerkennungsleistungen gezahlt. Betroffene erhalten Zahlungen als Anerkennung des Leids, auch wenn die Taten strafrechtlich verjährt oder die Täter verstorben sind oder sich die Vorwürfe nicht juristisch eindeutig beweisen lassen. Dieses niederschwellige Anerkennungssystem ist unabhängig vom Rechtsweg, der jedem weiterhin offen steht.
FT: Wie erklären Sie sich den „Deckmantel des Schweigens“, welcher der katholischen Kirche immer wieder vorgeworfen wird? Verstehen Sie, dass Betroffene sich nicht ernst genommen fühlen? Gibt es etwas, das Sie den Betroffenen gerne mitteilen möchten?
Erzbischof Gössl: Diesen „Deckmantel“ gab es in der Vergangenheit, und er ist ein schweres Erbe für uns. Heute steht die Abwägung zwischen dem Daten- und Persönlichkeitsschutz und den Rechten der Betroffenen im Vordergrund. Es gibt auch Fälle, in denen die Betroffenen auf eigenen Wunsch vor der Öffentlichkeit geschützt werden. Ich kann nur alle Betroffenen ermutigen, sich zu melden und damit zur Aufarbeitung einen wichtigen Beitrag zu leisten. Wir haben eine unabhängige Rechtsanwältin, Eva Hastenteufel-Knörr, die als Ansprechpartnerin zur Verfügung steht. Und es gibt den Betroffenenbeirat, an den man sich auf Wunsch vertraulich wenden kann. Auch ich persönlich stehe jedem Betroffenen, der das wünscht, für ein Gespräch zur Verfügung. Ich kann nur allen, die Missbrauch durch Priester erlitten haben, um Verzeihung bitten für das Leid, das sie erfahren haben. Sexualisierte Gewalt ist immer ein schreckliches Verbrechen, unter dessen Folgen Menschen ein Leben lang leiden können. Ich kann für meinen Verantwortungsbereich versichern: Die Zeiten, in denen Missbrauchstäter gedeckt und Taten vertuscht wurden, sind vorbei. Dafür stehe ich mit meinem Wort.