Predigt zum Dreihostienfest, Kloster Andechs, 27. September 2026
Ich kann nicht mehr genau sagen, in welchem Jahr ich zum ersten Mal hierher nach Andechs auf den heiligen Berg gekommen bin. Mein Bruder und ich waren Kinder (ich ca. 7/8 Jahre) und wir waren mit meinen Eltern und dem Großvater hierhergekommen. Woran ich mich aber noch sehr gut erinnern kann, das sind zwei Dinge im Zusammenhang mit diesem Besuch: Das eine war die Maus, die ja angeblich die Heiligtümer an diesem Ort wiederentdecken half. Und das zweite, was mich stark fasziniert hat, das war der obere Hochaltar auf der Balustrade. So etwas hatte ich noch in keiner Kirche gesehen.
Diese beiden Eindrücke waren prägend: die kleine Maus und der hoch erhabene Altar. Und beides findet im Geheimnis der Eucharistie zusammen. Die Eucharistie sagt uns: Es gibt nichts, was für Gott zu unbedeutend wäre, nur auf ihn hinzuweisen. Und es gibt nichts, was erhabener und großartiger wäre als dieses Geschenk seiner Gegenwart in der Gestalt des Brotes.
Der Blick zurück in die eigene Kindheit, als die kleinen Dinge höchst bedeutsam und die großen höchst beeindruckend waren, dieser Blick zurück wirkt vielleicht auf manchen peinlich. „Weißt Du noch, wie klein und dumm wir damals waren, wie leicht zu beeindrucken durch Mäusegeschichten und durch glänzenden Barock?“ Inzwischen haben wir so viel dazugelernt, sind so abgeklärt, so satt und überhaupt nicht mehr groß zu beeindrucken. Die Kostbarkeit des Kleinen und Bescheidenen ist unserer Welt zunehmend abhandengekommen. Wo der Konsum herrscht, dort ist kaum der Platz, ein kleines Stückchen Brot wahrzunehmen. Dort ist aber auch immer stärker diese Schöpfung bedroht, die immer mehr ausgebeutet wird, um unser Leben noch bequemer, noch satter, noch üppiger zu gestalten. Gott behält den Wert des Kleinen im Blick und lehrt uns, mit seinen Augen auf diese Welt zu schauen und ihre Kostbarkeit im Schlichten und Einfachen wahrzunehmen, so wie das für Kinderaugen selbstverständlich ist.
„Du sollst an den ganzen Weg denken, den der Herr dich während der 40 Jahre in der Wüste geführt hat“, so haben wir in der 1. Lesung (Dtn.) gehört. Du sollst an den Hunger denken, an die Entbehrungen und Gefahren und du sollst dich vor allem vor dem Hochmut hüten, der sich so schnell im Leben ausbreitet, wenn man all diese Wüsten-Erfahrungen hinter sich gebracht hat. Blicke zurück und lerne immer wieder neu, die Welt mit den Augen eines Kindes zu betrachten. So wirst du offen für Gott und kannst entdecken, wie er dein Leben begleitet und erhalten hat, all die Jahre hindurch. Es ist sicher bedeutsam, wenn Jesus an anderer Stelle im Evangelium sagt, man werde nicht in das Himmelreich kommen, wenn man nicht wird wie ein Kind.
Die Eucharistie lenkt unseren Blick aber nicht nur zurück auf die Kindertage und die seither verflossenen Jahre. Sie lässt uns auch nach vorne blicken – hinein in die unendliche Weite der Ewigkeit Gottes. Dafür steht für mich dieser wunderbare Raum mit diesem eindrucksvollen Altar. Jesus nennt sich im Evangelium das lebendige Brot, das vom Himmel gekommen ist und das uns ewiges Leben vermittelt. Jesus Christus ist das Lebensmittel schlechthin. Ihn in der heiligen Eucharistie empfangen heißt: schon etwas schmecken von dem Leben, das uns einmal erwartet, das uns aber auch jetzt schon umfängt und trägt. Im kleinen, bescheidenen Zeichen des Brotes tut sich der Himmel auf, kommen wir in Verbindung mit der Fülle des Lebens, die nur Gott uns schenken kann.
Damit relativiert sich aber auch meine Erwartung an dieses irdische Leben. Ich muss aus dieser begrenzten Zahl von Jahren nicht rausholen, was nur rauszuholen geht, muss nicht maßlos werden in meinen Ansprüchen und unweigerlich unzufrieden mit dem Erreichten/Erlebten.
Die große Unzufriedenheit, die wir in unserem doch sehr wohlhabenden Land immer deutlicher wahrnehmen, hat in meinen Augen viel damit zu tun, dass immer mehr Menschen die Dimension des ewigen Lebens bei Gott abhandenkommt. Der Glaube an den auferstandenen Herrn Jesus Christus schenkt auch unserem irdischen Leben einen ungeheuren Mehrwert. Er öffnet uns eine Dimension von Leben, von Liebe und Geborgenheit, von Freude und Zuversicht, die durch keinen innerweltlichen Besitz und auch durch keine menschlich-begrenzte Beziehung zu erreichen ist.
In der Feier der Eucharistie fängt die Wandlung dieser Welt an, weil sie uns aufs Engste mit Jesus Christus verbindet. In der Feier der Eucharistie werden die Zeitdimensionen durchlässig, wird die Vergangenheit und die ewige Zukunft hereingeholt in die Gegenwart. Die Verehrung der drei Hostien aus unterschiedlichen Epochen der Geschichte macht das deutlich. Im Kern aber geht es bei alldem immer um die Gegenwart des Einen, der uns mit der Fülle des ewigen Lebens beschenken will.
Mit der Feier der Verehrung der Eucharistie ist aber auch eng verbunden der Gedanke der weltweiten Gemeinschaft. Wir sind durch Jesus Christus verbunden, nicht nur als diejenigen, die heute hier auf dem heiligen Berg versammelt sind. Wir sind auch verbunden mit allen Schwestern und Brüdern auf der Welt, die sein Fleisch essen und sein Blut trinken, die ihn verehren und in seiner Gegenwart leben. Diese Dimension weltweiter Communio ist auch ein großartiger Impuls für die Verantwortung, die wir als Menschheit füreinander – auch generationenübergreifend – haben.
Die Eucharistie ist lebensrelevant – für uns persönlich, aber auch für unsere weltweite menschliche Gemeinschaft. Daher ist es gut und richtig, die Eucharistie zu feiern und zu verehren, so wie wir das heute tun. Es ist ein Zeichen der Hoffnung für unsere Welt.
Es gilt das gesprochene Wort.