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Predigt zum Heinrichsfest, 12. Juli 2026, Domplatz

Datum:
Veröffentlicht: 12.7.26
Von:
Erzbischof Herwig Gössl

Eine große Unruhe hat die Menschheit erfasst. Früher waren oft zu Beginn der großen Ferien viele Autobahnen verstopft. Heute ist das beinahe schon Alltag – das ganze Jahr hindurch. Wir wollen mobil sein, wollen die Welt bereisen, wollen vieles kennenlernen auf dieser Erde. Ganz vielen Menschen heute geht es so. Mobilität wird aber auch gefordert von Arbeitgebern, von Familienangehörigen und Fremden. Früher hatte man eine Arbeit in der Nähe des Wohnortes oder man suchte sich eine Wohnung in der Nähe der Arbeitsstätte. Städte sind während der Industrialisierung aus diesem Grund oft rasch und gigantisch gewachsen. Heute haben manche über eine Stunde Anfahrt zu ihrer Arbeit – und natürlich wieder zurück! Früher hat man die weit entfernt lebenden Großeltern vielleicht einmal im Jahr besucht und ist dafür länger geblieben. Heute reiht sich ein Blitzbesuch an den anderen. Unsere Hochgeschwindigkeitsmobilität macht es möglich. Früher war es ein Akt, auf Geschäftsreise zu gehen, heute gehört das für viele zu den Selbstverständlichkeiten, allen Möglichkeiten der Technik (Videokonferenzen) zum Trotz. Es ist ganz einfach wichtig, sich zu begegnen und gegenüberzusitzen, besonders bei schwierigen politischen oder geschäftlichen Verhandlungen. Das wussten freilich auch schon die mittelalterlichen Kaiser wie unser Bistumspatron Heinrich II., der ebenfalls ständig und unter deutlich schwierigeren Bedingungen, in seinem Reich unterwegs war, um die Herrschaft zu sichern. 

Die Unruhe, dieser Zwang zur äußeren oder inneren Mobilität, hat heute sehr viele Menschen erfasst und prägt unser Zusammenleben, auch in der Freizeit, nachhaltig. Sobald sich drei bis vier zusammenhängende freie Tage anbieten, sind manche weg. Viele Feste wie Fronleichnam oder Kirchweihen haben da schon Probleme, ehrenamtliche Helferinnen und Helfer zu finden. 

Alles ist in Bewegung, und äußere Ruhe halten viele schon gar nicht mehr aus. Sie vergehen geradezu vor Langeweile. 

„Du bewegst die Welt“. Dieses Jahresmotto im Erzbistum Bamberg könnte in diesem Zusammenhang durchaus missverstanden werden – etwa wie ein Werbeslogan einer Fluggesellschaft oder eines Logistikunternehmens. Hauptsache, alles ist in Bewegung – möglichst rasch und möglichst ohne Pause, egal wohin und wozu. Doch in Wirklichkeit ist das genaue Gegenteil gemeint: Es geht um eine Bewegung, die aus einer großen Tiefe kommt, die jemand anstoßen kann, weil er fest verwurzelt ist, weil er Stand, Stabilität hat. 

Die Wachstumsgleichnisse Jesu machen das deutlich, auch das Gleichnis vom Sämann, das wir gerade gehört haben. Auch Wachstum ist Bewegung. Aber zuerst ist nicht ein möglichst rasches Wachstum nach oben wichtig, nicht ein schnelles Wachsen im sichtbaren Bereich. Wichtig ist vielmehr das Wachstum in die Tiefe, ins Erdreich, das Halt und Nährstoffe und Feuchtigkeit vermittelt, damit dann die Bewegung nach oben, das Wachstum Bestand hat, auch wenn die Sonne brennt, auch wenn der Wind bläst. Es braucht die Tiefe, damit die Bewegung Früchte trägt. 

Auf uns Menschen übertragen heißt das: Es braucht die innere Ruhe, die Verwurzelung in Gott, damit unser Leben ertragreich werden kann, damit es erfüllt wird und Menschen in Bewegung bringen kann. 

Unsere Heiligen, auch unsere Bistumspatrone Kaiser Heinrich und Kaiserin Kunigunde, stehen für diese Überzeugung. Sie haben eine Bewegung angestoßen, die auch nach 1000 Jahren noch spürbar ist und Früchte trägt. Und sie taten das nicht aus eigener Machtvollkommenheit, sondern aus der Tiefe ihres Glaubens heraus. 

Aber auch in der jüngeren Geschichte bewegen Menschen, die tief im Glauben verwurzelt sind, diese Welt. Der Salesianerpater Rudolf Lunkenbein, der aus Döringstadt bei Ebensfeld stammt, und sein Freund und Mitarbeiter Simão vom Stamm der Bororo – sie waren ebenfalls solche Menschen. Vor 50 Jahren wurden beide zusammen von aufgebrachten Siedlern im brasilianischen Meruri erschossen, weil sie sich für die Rechte der Ureinwohner einsetzten. Beide wussten, in welcher Gefahr sie sich befanden, aber beide waren auch so tief im Glauben an Gott verwurzelt, dass sie nicht in Angst erstarrten, sondern einen Teil dieser Welt zum Guten hinbewegten. Beide waren wohl von derselben Überzeugung getragen, die der Apostel Paulus im Brief an die Gemeinde von Rom (2. Lesung) so ausgedrückt hat: „Ich bin überzeugt, dass die Leiden der gegenwärtigen Zeit nichts bedeuten im Vergleich zu der Herrlichkeit, die an uns offenbar werden soll“ (Kap. 8, Vers 18).

Kaiser Heinrich und Kaiserin Kunigunde, Pater Rudolf Lunkenbein und Simão Bororo – sie haben Menschen bewegt und tun das bis heute: zu völlig unterschiedlichen Epochen, unter total verschiedenen Umständen – aber immer aus der tiefen inneren Verbindung mit Jesus Christus, dem Herrn. 

Und wir heute? Auch wir können die Welt bewegen, aber nicht indem wir rast- und ruhelos herumhetzen, um möglichst viel zu erleben, sondern nur, wenn wir bereit sind, in die Tiefe zu wachsen, wenn wir unsere Wurzeln ausstrecken hin zu IHM, zu Christus, der Leben schenkt, das nicht einmal der Tod auslöschen kann. 

Unsere unruhige Welt braucht Ruhestifter, damit auch die Vernunft, die Versöhnung und der Friede wieder eine Chance haben. Wir brauchen glaubende, betende, von Hoffnung erfüllte Menschen, damit sich diese Welt in eine gute Zukunft bewegt. Wir alle sind gefragt, denn du bewegst die Welt.