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Predigt zum Hochfest Fronleichnam, 4. Juni 2026, Dom

Datum:
Veröffentlicht: 4.6.26
Von:
Erzbischof Herwig Gössl

Wer am Ende einer langen Bergwanderung auf den Weg zurückblickt, den er an diesem Tag gegangen ist, der ist wahrscheinlich stolz auf die Leistung. Vielleicht fragt sich dieser Mensch aber auch: Wie habe ich das nur geschafft? Die Kühle beim Aufbruch, noch in der Dunkelheit, die Hitze am Mittag, die Unsicherheit an den Weggabelungen, und überhaupt das schwierige und kräftezehrende Gelände – immer bergauf, den ganzen Tag. Viele Menschen machen heute ein Foto von sich vor dem Gipfelkreuz. Sie halten das Ziel fest, das sie erschöpft, aber glücklich erreicht haben. Die Bilder vom Weg aber, von unterwegs, die graben sich ins Gedächtnis ein. Die Bilder über die Unsicherheit, ob man auf dem richtigen Weg ist, der Erschöpfung, als man meinte, keinen weiteren Schritt mehr gehen zu können. Diese Bilder sind nicht auf dem Handy gespeichert. Es sind innere Bilder, immer da, immer abrufbar. 

Als das Volk des Alten Bundes nach der Flucht aus der Sklaverei Ägyptens dem Gelobten Land entgegenzog, da war es – nach dem Zeugnis der Heiligen Schrift – 40 Jahre unterwegs. Und es war kein Spaziergang, sondern ein Weg durch die Wüste, entbehrungsreich, manchmal ohne Wasser, manchmal ohne Nahrung, immer am Rande der Katastrophe entlang.

Und genau an diesen beschwerlichen, anstrengenden Weg – 40 Jahre durch die Wüste – sollen die Menschen nach den Worten des Mose (1. Lesung) denken. „Du sollst an den ganzen Weg denken, den der Herr, dein Gott, dich während dieser vierzig Jahre in der Wüste geführt hat“ (Dtn 8,2) – diese Worte aus dem Buch Deuteronomium haben wir gehört. An den ganzen Weg sollen sie denken und ihn nicht vergessen, auch nicht so kurz vor dem Ziel. An den Weg durch Hitze und Kälte, Hunger und Durst, Angst und Gefahren, Giftschlangen und alle möglichen Dummheiten, die Menschen begehen können. Es ist wahrlich kein Triumphzug, an den das Volk sich da erinnern soll, eher das Gegenteil. Da steigen Bilder auf, die man am liebsten verdrängen und vergessen würde, aber nicht vergessen kann. Und warum soll das Volk all diese düsteren Gedanken wälzen? Weil beim Blick auf diesen ganzen anstrengenden Weg deutlich wird, dass sie nicht alleine unterwegs waren, ja dass sie auf sich gestellt verloren gewesen wären. Gott gab ihnen Wasser und Manna und Sicherheit vor den Schlangen und Skorpionen. Das Volk lernte auf diesem Weg – 40 Jahre durch die Wüste –, dass es ohne Gott verloren ist, und um das niemals zu vergessen, darum sollen sie an den ganzen Weg durch die Wüste denken.

Vor zwei Jahren veröffentlichte der Pastoraltheologe Jan Loffeld ein Buch mit dem Titel: „Wenn nichts fehlt, wo Gott fehlt.“ Und er beschreibt darin die angebliche Überzeugung vieler Menschen in den westlichen Ländern, sie bräuchten keinen Gott und vermissen nichts, wenn sie ein Leben ohne Gott führen. Sicher kann man über die Thesen in diesem Buch diskutieren, aber es beschreibt in seinem Titel sehr klar und prägnant, worum es geht: um den verbreiteten Irrglauben, dass ein Leben in Wohlstand und Sicherheit den Gottesglauben überflüssig macht. Die Gefahr wurde auch im Buch Deuteronomium beschrieben: „Nimm dich in Acht, dass dein Herz nicht hochmütig wird und du den Herrn, deinen Gott, nicht vergisst, der dich aus Ägypten, dem Sklavenhaus, geführt hat“ (Dtn 8,14). Der Glanz des Gelobten Landes führt zu einem Leben ohne Gott, bei dem der Einzelne überhaupt nicht mehr mitbekommt, dass eigentlich alles fehlt, wenn Gott fehlt, dass alles sinn- und zwecklos wird ohne ihn und dass unser Weg durch die Wüste des Lebens zu einem Todesmarsch wird, wenn da nicht Gott uns unterwegs begleitet und mit dem Notwendigen versorgt. Wenn nicht ER, der das Leben selber ist, uns am Ende hinüberrettet in seine Ewigkeit, wenn nicht diese göttliche Perspektive allmählich einsickert in unser Leben und uns unterwegs die Kraft vermittelt, mit so mancher Wüstenerfahrung zurecht zu kommen.

Wenn wir das Fronleichnamsfest feiern, dann tun wir das nicht in erster Linie, um eine altehrwürdige Tradition aufrecht zu erhalten, sondern weil wir von dem Glauben getragen sind, dass Gott in unserem Leben und für unser Zusammenleben wichtig ist. Wir tragen Christus durch die Straßen unserer Stadt, ihn, der sich mit seiner ganzen Hingabe und Liebe in die Brotsgestalt hineingebunden hat. Wir schauen – auch als Kirche – zurück auf unseren Weg durch die Geschichte und stellen fest, dass dies auch immer ein Weg durch die Wüste gewesen ist, begleitet von Hunger und Durst, von giftigen Skorpionen und von allen möglichen Sünden, die Menschen begehen. Aber immer war es und ist es und wird es bis zum Ende dieser Welt ein Weg bleiben, den unser Herr mit seiner Gegenwart begleitet und der darum, und nur darum, für diese Welt zum Segen wird.

Feiern wir Fronleichnam voller Dankbarkeit für Gottes Wirken in dieser Welt, aber nehmen wir dieses Fest auch als Anstoß, in Zukunft noch mehr und intensiver und bewusster mit Gott durchs Leben zu gehen. Dann können wir den Ängsten und den Angstmachern heute und in Zukunft widerstehen.