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Predigt zum Hohen Pfinstfest, 24. Mai 2026, Dom

Datum:
Veröffentlicht: 24.5.26
Von:
Erzbischof Herwig Gössl

Gottes Geist bewegt die Welt.

Das, liebe Schwestern und Brüder, ist die tiefe Glaubensüberzeugung der Christen, die wir an jedem Pfingstfest – so auch heute – feiern. Wir bekennen den Heiligen Geist als den, der Leben schafft, Leben in seiner ganzen Buntheit und Vielgestaltigkeit. Doch bleibt die Wirkung des Heiligen Geistes nicht auf die Schöpfung beschränkt. Gott setzt nicht einfach einen Prozess der Evolution in Gang, der sich dann selbst überlassen bleibt und an dessen Ende sich immer der Stärkere durchsetzt und der Schwächere untergeht. Gottes Geist bewegt die Welt vielmehr im Zeichen der Erlösung. Ohne die bunte Vielfalt aufzulösen, führt er die Menschheit dahin, dass sich die Menschen gegenseitig verstehen. Gottes Geist bewegt zur Einheit, einer Einheit freilich, die die Unterschiedlichkeit der Glieder nicht nur in Kauf nimmt, sondern sie voraussetzt. 

In der zweiten Lesung aus dem ersten Korintherbrief beschrieb das der Apostel Paulus im Bild des einen Leibes, der aus unterschiedlichen Gliedern besteht und dennoch eine Einheit bildet. Und in der Erzählung von der Geistsendung in der Apostelgeschichte, die wir in der ersten Lesung gehört haben, wird dasselbe Phänomen beschrieben durch das Wunder des gegenseitigen Verstehens, über alle Sprachbarrieren hinweg. All die unterschiedlichen Völker, die da in Jerusalem versammelt sind, können die Verkündigung der Apostel verstehen. Der Heilige Geist arbeitet auf die Einheit hin, er baut Gemeinschaft auf, und dieser Prozess ist und bleibt immer höchst kompliziert.

Wir erleben Bewegung heute meist als Bewegung weg von den anderen, weg von denen, mit denen ich mich nicht verstehe, die meinen Wünschen und Vorstellungen im Wege stehen. Verkauft wird das Ganze oft als Selbstbewusstsein und Ich-Stärke. In Wirklichkeit stehen dahinter aber meist eine große Unsicherheit und Schwäche, die durch äußerliches martialisches Auftreten überspielt werden. All die „Me-first-Bewegungen“ dieser Erde stecken in diesem Irrtum fest, sei es auf internationaler, nationaler oder noch kleinteiligerer Ebene. Wenn ich meinen Willen nicht zu 100 Prozent durchsetze, dann gehe ich weg, ziehe ich mich zurück. Dann verlasse ich die Familie oder den Freundeskreis, trete ich aus der Kirche aus und mache mein Ding.

Diese Bewegungen weg von den anderen sind in der Regel keine Zeichen von Stärke, sondern von Schwäche, von Kapitulation. Vor allem sind es keine Bewegungen, die vom Heiligen Geist gewirkt sind. Denn Gottes Geist bewegt die Welt zur Einheit, nicht zum Separatismus. Er bewirkt, dass die Menschen sich untereinander verstehen, trotz unterschiedlicher Sprachen, Kulturen und Traditionen. Gottes Geist bewegt zu Vergebung, Versöhnung und Frieden, nicht zu Unversöhnlichkeit, gegenseitigen Vorwürfen und Krieg.

Gottes Geist bewegt die Welt, und in uns Menschen und durch unser Handeln soll diese Bewegung sichtbar und erfahrbar werden. Das beschreibt einen wichtigen Auftrag von Kirche. Kirche ist von Gott gedacht als Gegenbewegung gegen alle Ab- und Ausgrenzungstendenzen, die – angestoßen durch Angst – Hass und Zwietracht säen.

Wir wissen: Auch die Kirche ist nicht immun gegen diese Tendenzen, weil sie aus Menschen besteht. Die Spaltungen der Kirche sind dafür ein sichtbarer Ausdruck, der schmerzt. Und doch wird in Kirche spürbar, was in unserem Menschsein im Grunde immer schon angelegt ist: Die Überzeugung, dass wir zusammengehören und dass unsere Welt glücklicher und friedvoller wird, wenn wir diese Überzeugung stark werden lassen. Es tut gut wahrzunehmen, dass immer wieder – auch heute – Menschen in der Kirche diese positiven Erfahrungen machen dürfen: die Erfahrung, dass unterschiedliche Milieus und Schichten hier zusammenfinden, dass unterschiedliche Begabungen hier zusammenwirken können, und dass daraus Aufbau von Gemeinschaft, ein tragfähiges Netzwerk von Hilfsbereitschaft entsteht. Ich denke etwa an die vielen Hilfsdienste für Menschen in Not, die im kirchlichen Bereich immer wieder entstehen; aber auch an die Verbände, an die Gruppen und Kreise in den Pfarrgemeinden. Sie alle müssen sich immer wieder der Bewegung des Geistes Gottes öffnen, damit sie sich nicht abschotten, sondern offen bleiben, nicht in der Erinnerung an vergangene Zeiten erstarren, sondern in Bewegung bleiben auf Zukunft hin.

Ja, Gottes Geist bewegt die Welt – durch unser Wirken als Kirche und mit uns. Lassen wir uns bewegen zu Entspannung, Versöhnung und Frieden. Unsere zerrissene Welt wartet darauf.