Predigt zur Priesterweihe von Daniel Hartmann, 27. Juni 2026, Dom
Die Liebe rechnet nicht. Die Liebe gibt – frei und ungezwungen, gern und im Übermaß. Überall dort, wo man anfängt, gegeneinander aufzurechnen, miteinander abzurechnen, dort ist die Liebe längst verschwunden. Liebe gibt mit vollem Maß, überschwänglich, ohne zu fragen, was mir das bringt/nützt.
Mit dieser Bereitschaft zur Liebe stehen Sie heute hier, lieber Daniel, und geben sich und Ihr ganzes Leben hinein in den priesterlichen Dienst – aus Liebe zu Gott und zu seinem Volk. Sie setzen sich nicht hin und rechnen nach, wieviel Liebe man dem einen Gott entgegenbringen kann, der sich so sehr vor unserer Wahrnehmung verbirgt. Sie rechnen nicht nach, wieviel Liebe noch übrigbleibt für eine Kirche mit ihrer Geschichte, wieviel noch übrigbleibt nach Abzug von Gewaltakten, Kriegen und sicher auch persönlichen Enttäuschungen. Wer anfängt, so zu rechnen, der kann einen solchen Schritt der Hingabe nicht gehen. Die Liebe rechnet nicht. Sie gibt im Übermaß, reichlich mit Segen, wie es in der Lesung aus dem 2. Korintherbrief geheißen hat.
Sie, lieber Daniel, geben sich als die Person, die Sie sind und die Sie bleiben – mit Ihren hervorragenden Begabungen und Fähigkeiten, aber auch mit Ihren Schwächen und Fehlern. Sie geben sich hinein in den Dienst und lassen sich in Dienst nehmen von Christus, dem Herrn. Durch das Sakrament der Priesterweihe werden Sie befähigt und gesandt, Jesus Christus, das Haupt der Kirche, in dieser Kirche sichtbar, hörbar und erfahrbar zu machen. Das bedeutet nicht, dass Ihre Hauptaufgabe darin besteht, Chef zu sein, Dienstanweisungen zu geben und über deren Einhaltung zu wachen. Nein, Ihre Hauptaufgabe als Repräsentant des Herrn innerhalb der Kirche ist es, Christus in seiner Hingabe und Liebe zu uns Menschen sichtbar und erfahrbar zu machen. Denn der Ursprung der Liebe, die Sie bewegt, liegt nicht in Ihnen selbst, sondern vielmehr im Herrn. Er ist Ihnen begegnet als derjenige, der aus Liebe für seine Freunde sein Leben hingibt. In dieser Freundschaft mit dem Herrn durften Sie hineinwachsen und diese Freundschaft ist die eigentliche Grundlage für die Entscheidung, das eigene Leben in den Dienst des Herrn zu stellen. Durch Ihren Dienst will Christus die Menschen einladen und ihnen zurufen: Bleibt in meiner Liebe! Lasst euch aufnehmen, retten durch die Liebe, die von Gott ausgeht und die mich bis ans Kreuz geführt hat! Und haltet mein Gebot, auch einander zu lieben! Beides liest sich wo wunderbar und großartig, aber es wird so beschwerlich, wenn die alltäglichen Enttäuschungen und Lieblosigkeiten ins Leben hineinragen und die geschätzte Harmonie durcheinanderbringen. Und das geschieht schneller und öfter als einem lieb ist.
Das Kreuz ist eine Realität unseres Lebens. Wir müssen es nicht suchen, wir dürfen ihm aber auch nicht ausweichen. Wir müssen es vielmehr identifizieren als das Zeichen für die Liebe Gottes zu uns Menschen, als das Zeichen dessen, der sein Leben hingibt für seine Freunde, und als Zeichen dafür, dass Schmerz, Leid und Tod nicht das letzte Wort haben, sondern vielmehr das österliche Leben. Daher wird der Priester aufgefordert: Stelle dein Leben unter das Geheimnis des Kreuzes! Tag für Tag – in der Feier der Eucharistie – wird dieses Geheimnis des Kreuzes Gegenwart, aber nicht nur als ein frommer Ritus hinter Kirchenmauern, sondern als sakramentale Befähigung dazu, die vielen Kreuze des Alltags anzunehmen und zu tragen – die eigenen und die der Menschen, zu denen wir gesandt sind. So wird durch den priesterlichen Dienst die Welt hinbewegt zu mehr Liebe, Gerechtigkeit und Frieden.
Lieber Daniel, liebe Schwestern und Brüder,
natürlich sind es schwierige Zeiten, in denen Sie diesen Schritt in den Dienst Jesu Christi und seiner Kirche gehen. Ich wollte, ich könnte Ihnen und uns allen Entspannung in Aussicht stellen. Doch das wäre nicht redlich. Wir sind als Kirche im Ab- und Umbau, und diese Realität zerrt an den Nerven von vielen. Und dennoch bin und bleibe ich überzeugt, dass der, der seine Kirche leitet – unser Herr Jesus Christus – treu zu seinem Wort steht: Dass er mit seiner Liebe bei uns bleibt und dass seine Liebe durch unser Leben und Wirken Frucht bringt.
Ich hoffe und bete, dass viele sich bewegen lassen zu einer erneuerten und vertieften Freundschaft zu Christus, und damit auch zu der Bereitschaft, manche äußerliche Last abzuwerfen, um mit neuer Begeisterung für Christus und sein Reich wirken zu können. Mehr Menschen sollen mit IHM und seiner Botschaft, mit seiner Liebe in Berührung kommen und dadurch bewegt werden. Natürlich bete ich auch darum, dass immer mehr junge Menschen, berührt von der Freundschaft zu Christus, seinem Ruf in die Dienste und Ämter der Kirche folgen: als Priester und Diakone, als Ordenschristen, als Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den verschiedenen pastoralen, pädagogischen und diakonischen Berufen.
Lieber Daniel, ich weihe Sie heute zum Priester, leider Sie allein, aber ich weihe Sie hinein in ein Presbyterium und in eine Gemeinschaft von Glaubenden für die Christus aus Liebe sein Leben hingegeben hat. Nehmen Sie diese große Bewegung der Liebe auf, die von IHM ausgeht, und schenken Sie sie weiter – großherzig und unberechenbar! Denn die Liebe rechnet nicht.