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Bamberg, St. Michael:Predigt zur Wiedereröffnung von St. Michael, Bamberg, 25. April 2026

Datum:
Veröffentlicht: 25.4.26
Von:
Erzbischof Herwig Gössl

Es ist eine Pracht! Das war mein erster Eindruck, als ich nach 13-jähriger Schließung einen Blick in die fast fertig renovierte Kirche St. Michael werfen durfte. Es ist eine Pracht, und ich danke allen von Herzen, die in der langen Zeit seit der Sperrung der Kirche im Herbst 2012 dafür gesorgt haben, dass diese Pracht erhalten geblieben ist bzw. wieder neu zum Vorschein gebracht wurde. Ich danke allen, die die Ursachen der Baumängel erforscht und behoben haben, die in den unterschiedlichen Gewerken tätig waren, um dieses strahlende Ergebnis heute zu liefern, allen Sachverständigen und Geldgebern und allen, die dieses Jahrhundertwerk koordiniert und mit ihrer Begeisterung und Energie immer wieder vorangetrieben haben. Ja, es ist eine Pracht, und ich freue mich an der Schönheit dieses Gotteshauses – zusammen mit Ihnen allen, mit allen, die über den Live-Stream mit uns verbunden sind, und mit allen, die in den nächsten Wochen und Monaten zu den – anfangs noch beschränkten – Öffnungszeiten diese Kirche besuchen und am Grab des hl. Bischofs Otto beten. 

Eine große Freude erfüllt uns alle und auch ein gewisser Stolz angesichts des gelungenen Werkes. 

Nun ist Stolz alles andere als eine christliche Tugend, aber bis zu einem gewissen Maß ist er menschlich verständlich und auch berechtigt. Wo der Stolz auf ein gelungenes Bauvorhaben anfängt, gefährlich zu werden, das zeigt uns das Evangelium, das wir eben gehört haben, das Evangelium von der Tempelreinigung. Die Einwohner Jerusalems sind so stolz auf den Tempel des Herodes, an dem 46 Jahre lang gebaut wurde, dass sie – berauscht von der äußeren Pracht – das Wichtigste vergessen haben. Der Tempel ist kein Prestige-Objekt, sondern er steht für etwas, jemand anderes/jemand anderen. Der Tempel will mit seiner Pracht nicht die Kunstfertigkeit der Menschen ausweisen, sondern er will etwas von der unsichtbaren Größe und Herrlichkeit Gottes vermitteln. Dass dieser wesentliche Aspekt im Geschäftsbetrieb des Tempelkultes offensichtlich verlorenging, macht Jesus richtig zornig. Nicht das Tempelgebäude ist der Garant für die Gegenwart Gottes bei seinem Volk, sondern er selbst, Jesus, der Christus, der menschgewordene Sohn Gottes! Und nicht die Opfergaben der Menschen halten die Beziehung an Gott aufrecht, sondern Jesu Opfer am Kreuz, seine Hingabe aus Liebe, sein Friede, den er am Ostertag nach seiner Auferstehung den Jüngern und uns allen bis heute zuspricht. So erbaut der Herr in drei Tagen den Tempel des neuen und ewigen Bundes und jede Kirche – auch diese hier – soll uns an dieses tiefe Geheimnis unseres Glaubens erinnern. 

Was also verkündet uns diese Kirche in all ihrer Pracht?

1.   Sie ruft uns zunächst einmal mit dem Namen ihres Patrons, des Erzengels Michael, zu: Wer ist wie Gott? Und diese Frage ist kein Aufruf zu einem irgendwie gearteten Ranking, wie das manche mächtige Menschen unserer Tage offensichtlich missverstehen. Diese Frage ist vielmehr eine Aussage, die besagt: Schaut euch um, wo immer ihr wollt – Niemand ist wie Gott! Wie die Türme dieser Kirche zum Himmel zeigen, ist sie ein einziger großer, weithin sichtbarer Hinweis auf den Glauben von Menschen an Gott. Diese Kirche des hl. Michael ist ein Bekenntnis zu Gott. Von ihm, und nicht von unserer Kraft, nicht von unserer militärischen Stärke oder geistigen oder materiellen Überlegenheit erwarten wir alles. Nur ER kann uns retten und nur IHM können wir uns ganz und gar überlassen. In Zeiten, in denen der Glaube an einen persönlichen Gott vielen Menschen immer mehr abhandenkommt, ist dieses sichtbare Bekenntnis wichtiger denn je. Und in Zeiten, in denen sich Menschen erdreisten, sich selbst an Gottes Stelle zu setzen, erst recht. 

2.   Dieses Gotteshaus strahlt und glänzt und es stellt uns damit die Frage: Wie sieht es denn bei euch aus – persönlich – kirchlich – gesellschaftlich? 

Sind wir bereit und fähig, zuzugeben – vor uns selbst und voreinander – dass wir unsere dunklen, schmutzigen Stellen haben, dass wir – wie das II. Vatikanische Konzil sagt – stets der Reinigung bedürfen – auch persönlich, als Kirche und im gesellschaftlichen Zusammenleben. Dabei ist es nicht so, dass wir uns verstecken müssten. Vieles hat sich in guter Weise entwickelt. Menschen gehen heute oft sehr viel achtsamer und rücksichtsvoller um, als das in früheren Zeiten üblich war. Umso erschreckender sind dann aber immer wieder die Rückfälle in die dunkelsten Machenschaften, das Sich-Gewöhnen an den Schmutz, der immerzu ins Leben dringt und unser Zusammenleben so unerträglich macht, uns lähmt und uns die Freude am Leben nimmt. Mein Eindruck ist, dass viele Menschen heute gerne einen oberflächlichen, äußeren Glanz zur Schau stellen, aber sich sehr davor hüten, tiefer zu blicken. Wie viele bedrohliche Risse ziehen sich durch unsere Familien, durch unsere Gesellschaft, nur mühsam übertüncht, um den Schein aufrecht zu erhalten. Wie oft fehlt der richtige Halt, sodass unsere Lebenskonstruktionen brüchig werden und akute Einsturzgefahr besteht. Diese Kirche in ihrer Pracht erinnert an die Überzeugung der Kirchenväter: Ecclesia semper reformanda – Die Kirche muss sich immer erneuern, indem sie zum Urbild zurückfindet und an ihm Maß nimmt: an Jesus Christus. Durch ihn finden wir Halt in Gott und können die dunklen Schatten des Lebens bekämpfen. So können wir leuchten und strahlen von innen her durch den, der uns aus der Finsternis in sein wunderbares Licht gerufen hat. 

3.   Diese Kirche ist geschmückt mit dem sogenannten Himmelsgarten, fast 600 verschiedene Pflanzen, die die Deckengewölbe zieren. Der Garten ist ein Bild für das Paradies. Gerade im Frühjahr genießen wir besonders die bunte Vielfalt der Blumen, die verschiedenen Grüntöne der Bäume und Wiesen. Es ist eine Wohltat für die Augen und für das Herz. Der Himmelsgarten ist für mich eine wichtige Erinnerung daran, dass die Schöpfung Gottes kostbares Geschenk an uns ist, das es zu schützen und zu bewahren gilt. Nicht Ausbeutung und Verbrauch ist uns aufgetragen, sondern hüten und hegen. Die unbeschreibliche Schönheit der Schöpfung weist hin auf die Größe des Schöpfers. So ist der Himmelsgarten von St. Michael auch ein Lobpreis Gottes, der für die Menschen einen Garten angelegt hat, weil er es gut mit ihnen meint. 

4.   Und so verkündet uns die Kirche 4., dass ihre eigentliche Pracht die Menschen sind, die sich in ihr versammeln. „Die Ehre Gottes ist der lebendige Mensch.“ – so hat der hl. Irenäus von Lyon im 2. Jahrhundert geschrieben. Und so korrespondiert unsere heilige Versammlung hier direkt mit dem Himmelsgarten über uns. Wir sind hier nicht versammelt als kunstsinnige Besucherinnen und Besucher eines prächtigen Gotteshauses, sondern wir sind Teil dieser Pracht, von Gott zusammengerufen als seine Kirche und das trotz unserer Grenzen und Schwächen und Fehler. Unser christlicher Glaube lehrt uns, dass Gott sich uns nicht bloß von oben gnädig zugeneigt hat, sondern dass er in Jesus Christus einer von uns geworden ist; ja, dass er sogar in die äußerste Erniedrigung des Kreuzestodes hineingegangen ist, um uns zu retten und uns von aller Schuld zu befreien. 

Mit diesem Gott auf unserer Seite können wir es wagen, das große Renovierungsprojekt unseres Lebens anzugehen: die Umkehr von den falschen Wegen, die Hinkehr zu Gott und das Zugehen auf die anderen Menschen, auch und gerade auf die, mit denen uns eine schwierige Geschichte verbindet. 

Der hl. Bischof Otto, dessen Grab sich auf seinen eigenen Wunsch hin in dieser Kirche befindet, er war ein Brückenbauer zwischen Menschen, auch in Krisen-Situationen: damals zwischen Papsttum und Kaisertum, zwischen Armen und Wohlhabenden, zwischen Ost und West. Und er ist es bis heute. „Er bindet Völker freundschaftlich, trotz widriger Geschichte.“ – so singen wir in einem Lied zu Ehren des hl. Bischofs Otto von Bamberg. Es ist faszinierend zu erleben, wie Bischof Otto als Apostel den Pommern auch heute noch Brücken baut zwischen Polen und Deutschland – und so bin ich besonders dankbar dafür, dass Erzbischof Wieslaw Śmigiel aus Stettin heute zu uns gekommen ist, um die Wiedereröffnung der Kirche St. Michael zu feiern; ebenso aus dem Erzbistum Berlin Weihbischof Matthias Heinrich. Aus dem Bistum Speyer, wo der hl. Otto als junger Mann maßgeblich am Dombau beteiligt war, ist Weihbischof Otto Georgens gekommen. Bischof Otto baut aber auch Brücken über heutige Konfessionsgrenzen hinweg. Besonders spürbar war das für mich bei einem Besuch in Vorpommern, wo ich erleben durfte, welche Verehrung Bischof Otto auch in evangelischen Kirchen entgegengebracht wird. Bischof Otto war ein Förderer der Klöster. So freut es mich, dass aus der Abtei Windberg – einer Gründung unter Beteiligung des hl. Otto – Abt Petrus-Adrian Lerchenmüller bei uns ist, stellvertretend für die vielen Klöster, die auf Bischof Otto zurückgehen. 

Brücken bauen statt Mauern zu errichten – das ist der Auftrag Gottes auch für unsere Zeit. In der Nachfolge des Herrn, der die Brücke schlägt zwischen Himmel und Erde und der uns trotz aller Unterschiede zusammenruft als eine Gemeinschaft, sind wir als Kirche beauftragt, Brücken zu bauen, Brücken, die zueinander führen zwischen Himmel und Erde und zwischen den Menschen. Möge – auf die Fürsprache des hl. Bischofs Otto – diese Kirche immer wieder deutlich werden lassen, dass dies möglich ist. Das wäre eine Pracht!